Zissel seit 1926

Im Jahr 1926 fand zum ersten Mal ein gemeinsames Fest des Verkehrsamtes und der Wassersport treibenden Vereinen unter dem Namen "Zissel" statt.

Sehr lebendig schildert der Schang vom Pääremarkt, alias Eugen Kratzer die Geschichte, wie aus dem "Fulle Feez" der "Zissel" wurde. Die Herzader unserer lieben, alten Stadt, die Fulda, im weiteren kurz Fulle genannt, beherbergte auf beiden Seiten ihrer Ufer viele Vereine, die dort ihre Badeplätze und Bootshäuser hatten. Damals, kurz nach dem 1.Weltkrieg gab es außer den "wilden" Badestellen, nur zwei Badeanstalten, eine an der Drahtbrücke, Herrn Sinning gehörig und die auf dem Waldauer Ufer gelegene Gerhardsche Badeanstalt, deren Besitzer "Schimmi" genannt wurde, welche nur über eine hölzerne Brücke erreicht werden konnte.

Wer sonst noch in der sauberen Fulle baden wollte, ging eben in "seinen" Verein. Solch ein Verein bildete eine große Familie. Das ganze sommerliche Leben der Mitglieder spielte sich an der Fulle ab. Für die Kinder gab es nichts Schöneres, als nach der Schule auf den Badeplatz zu dürfen. Dass die großen Ferien auf dem Vereinsplatz zugebracht wurden, war selbstverständlich. Am Schönsten war die "Italienische Nacht". Ende Juli Anfang August konnte der Spaziergänger auf dem Auedamm, reges Treiben durch die Astlöcher der Bretterzäune der Vereine beobachten. Ja, damals musste jeder Verein dessen weibliche und männliche Mitglieder gemeinsam dem Bade huldigten, aus moralischen Gründen, behördlich verordnet, einen zwei Meter hohen Bretterzaun zur Straßenseite haben. Da konnte man sehen, wie Lampions aufgehängt wurden, der Badeplatz geschmückt und auf dem Badesteg, der ins Wasser führte, wurden die letzten Vorbereitungen für den "Fulle Feez" getroffen. Nachmittags war es dann soweit! Eine Blaskapelle, ein Trichtergrammophon tat`s auch, spielte, während die Vereinsmitglieder an langen Tischen, bei Kaffe und Kuchen saßen. Dann kam der "Fulle Feez": Alte Gehröcke, Zylinder, Kapotthütchen, aus Großmutters Zeiten, kurz die unmöglichsten Kleidungsstücke, wurden angezogen, ein Spiel auf dem Badesteg improvisiert, und unter dem Jubel der Zuschauer stürzten alle Akteure ins Wasser. Abends wurden die Lampions angezündet, die Kinder machten ihre Lampionpolonaise und die Großen gaben sich dem Tanz hin. So feierte ein Verein nach dem anderen seine "Italienische Nacht". 1924 hatten sich ein paar Vereine , unter ihnen der Casseler Schwimmverein, die benachbarte Turngemeinde und auf der anderen Fulleseite der Schwimmverein Kurhessen, sowie der schon erwähnte "Schimmi" zusammengesetzt und einen Termin vereinbart, an dem sie gemeinsam "Fulle Feez und Italienische Nacht" veranstalten wollten.

Der große Erfolg dieser grundlegenden Veranstaltung, bei der sogar ein bescheidenes Feuerwerk abgebrannt wurde, regte auch die anderen Vereine an, sich zu beteiligen.

So geschah es, dass im Jahre 1925 die Kasselaner an den beiden Ufern der Fulle ein großes gemeinsames Wasserfest erlebten. Es war ein großartiger Anblick, als am Abend das dunkle Wasser des Flusses, von hunderten mit Lampions geschmückten Booten, vom Walzenwehr bis zum Aueausgang belebt war.

Ein Feuerwerk, dass sich sehen lassen konnte wurde von einer vieltausendköpfigen Menge freudig mit lautem "Aah" begrüßt.

Als wir an diesem Abend zu später Stunde, auf der Terrasse des damaligen Schwimmvereins zusammensaßen, und sahen, wie die letzten beleuchteten Boote sich langsam heimwärts bewegten, da sagte Walter Daume, einer der Hauptakteure bei jedem "Fulle Feez": "Jetzt verzisseln sie sich!" Damit hatte er, ohne es zu wollen, den Anstoß zu dem Namen des Festes gegeben.

Bei der Kasseler Bevölkerung hatte dieses große Wasserfest Anklang gefunden, in der Presse wurden die einzelnen "Attraktionen" beim "Fulle Feez" besprochen und besonders das Feuerwerk wurde herausgestellt. Im laufe der Jahre beteiligten sich immer mehr Vereine beim "Zissel", wie dieses Heimatfest nun offiziell genannt wurde.

Doch dann kam der Krieg, Kassel wurde schwer getroffen, die Altstadt ausgelöscht und auch die Vereinshäuser an der Fulda fielen den Bomben zum Opfer. Es schien, dass auch der Zissel mit der Altstadt für immer verloren sei.

(Hermes Zisselheft 1987 Seite 50ff.)

 


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